Bis der Spiegel mich nicht mehr sieht
Mit sieben tanze ich vor dem Badezimmerspiegel. In Mamas Ballkleid. So viel Tüll und Seide. Und trotzdem passe ich ganz in den Spiegel. Eine Haarbürste in meiner Hand. Mein Mikrofon. Ich singe laut. Auch die Wörter, die ich noch nicht kenne.
In der Schule darf ich neben dem Jungen sitzen, neben dem niemand sitzen will. „Du bist so brav.“ Er kritzelt in mein Heft. Ich lasse ihn. Dann wird er schon aufhören.
Mit zehn steht ein älterer Klassenkollege vor mir. Hinter mir die Tür zu den Schultoiletten. Hier hört man die anderen Kinder kaum. Ich will vorbei. Er lässt mich nicht. Ich lache kurz, weil er auch lacht. Und plötzlich ist da seine Hand. Und meine eingefrorenen Arme.
Später vor dem Spiegel lächle ich. Meine Augen nicht. Das Wasser rinnt.
Als es läutet, gehe ich zurück in die Klasse. Die anderen holen ihre Hefte heraus. Ich auch.
Mit dreizehn stelle ich einen Fuß auf den Badewannenrand. Morgen ist Schulschwimmen. Ich fahre mit dem Rasierer über mein Schienbein. Der Schnitt am Knie blutet leicht. Mit der Hand prüfe ich, ob noch irgendwo etwas geblieben ist. Noch einmal drüber.
Mit sechzehn sehe ich mich im Fenster der U1. Und den Mann hinter mir. Er sieht mich auch. Ich nehme meine Kopfhörer raus. Die Scheibe wird schwarz. Mein Gesicht deutlicher. Seines auch.
Mit siebzehn liege ich auf dem Badezimmerboden. Von hier unten sehe ich mich nicht. Oben liegen der Rasierer, ein Concealer, eine Haarbürste und mein Handy mit einer neuen Nachricht. Ein Freund fragt mich, ob wir essen gehen wollen. Ich sage, ich habe schon.
Ich habe auch gestern schon gesagt, ich habe schon. Vorgestern habe ich gegessen. Weitergegessen. Aufhören wollen. Weitergegessen.
Ich bleibe liegen.
Der Spiegel hat gelernt, mich zu kennen. Er weiß, wo ich zuerst hinschaue. Wo ich sofort wegsehe. Von oben nach unten. Von unten nach oben.
Mit achtzehn probiere ich ein Kleid an. Mama sitzt vor der Umkleide. Oma neben ihr. „Das ist vorteilhaft.“ Ich drehe mich seitwärts. „Das kaschiert.“ Ich frage nicht, was. Im Spiegel sehe ich Mama hinter mir. Sie zieht ihre Bluse über den Bauch. Oma legt ihre Tasche auf den Schoß. Auf dem Schoß liegt schon ihr Mantel.
Ich schaue noch einmal hin und halte die Luft an. Drei Frauen. Alle verschieden. Alle gleich.
Ich hole Luft. Mein Bauch hebt sich.
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