Das Spiegelbild in Ruhe lassen
Steh auf und sehe mich im Badezimmerspiegel, meine Augen angeschwollen, die Haare machen was sie wollen. Zieh mich um, schmink mich dann und schau mich, wer hätte es gedacht, natürlich wieder im Spiegel an.
Später geh ich durch die Stadt, sehe ein Schaufenster so glänzend und glatt. Ich steh davor, betrachte die Auslage und siehe da; da bin ja ich! Ich sehe mein mir bekanntes Gesicht. Ob meine Haare wohl noch passen? Ja alles gut, kann mein Spiegelbild wieder in Ruhe lassen.
Auf der öffentlichen Toilette wasche ich mir meine Hände. Häbe meinen Kopf ins Licht und sehe sofort mein Gesicht. Blicke mich im Spiegel an und versuche sofort mein Outfit wieder in die richtige Position zu spannen. Sitzt wieder alles perfekt und wird mir mein Outfit jetzt wieder so passen? Ja alles gut, kann mein Spiegelbild wieder in Ruhe lassen.
Fahre nun zurück nach Haus und schau dabei aus dem Fenster raus. Aus dem Augenwinkel springt mir was in die Sicht, mein Lippenstift ist ja ganz verwischt. Schnell packe ich die Tasche aus. Nehm den Spiegel und ein Tuch hinaus. Wisch ein bisschen hin und her, ich glaub jetzt sieht man es nicht mehr. Wird mir mein Make-up jetzt wieder so passen? Ja alles gut, kann mein Spiegelbild wieder in Ruhe lassen.
Am Abend komm ich endlich nach Haus, der große Wandspiegel im Vorzimmer blitzt mich an, ach du meine Güte, schau ich müde aus! Schnell unter die Dusche und dann ab ins Bett, vielleicht noch was Lesen, das wäre doch nett. Doch ich lese nicht, sondern starre fremden Menschen auf Instagram direkt ins Gesicht. Scrolle mich von Bild zu Bild, like das, was mir gefällt, speichere Tipps für Make-up das lange hält. Vielleicht wird mir meine Schminke dann endlich passen, dann kann ich mein Spiegelbild in Ruhe lassen!
Und dann schalte ich mein Handy aus, zwei Augen starren aus dem schwarzen Display heraus. Sie sehen müde und erschöpft aus. Doch in ihnen immer noch ein kleines blitzen, ein leichtes leuchten. Und da kommt mir ein Gedanke: Es darf auf keinen Fall entfleuchen! Denn die Augen gehören zu ihr. Zu mir. Genauso wie der schmale Mund, der manchmal laut auflacht, ohne Grund. Der so gerne Geschichten erzählt und manchmal auch eine lange und unnötige Erzählung wählt. Oder die vielen Sommersprossen, die ich auch im Winter habe, besonders wenn ich Skifahren gehe oder ans Meer fahre. Sowie die langen, braunen, geflochtenen Haare. Und der Jogginganzug, der zwar schrecklich aussieht, weil der Pulli nicht zur Hose passt und er auch schon ein paar Flecken hat. Dafür aber nirgendwo zwickt und kuschelig weich von innen ist.
Ich denke mein Aussehen muss nicht immer passen, vielleicht, aber nur vielleicht, sollte ich mal mein Spiegelbild eine Weile in Ruhe lassen!
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