Der letzte Blick in den Spiegel
Erschöpft von meinem langen Arbeitstag, setze ich mich an den Esstisch, wo ich den Badezimmerspiegel sofort erblicke. In meinen roten, wässrigen Augen ist Trauer zu erkennen. Ausgerechnet heute setze ich mich auf den Stuhl, auf dem mein Opa immer gesessen hat. Seitdem er von uns gegangen ist, ist dieser Sessel frei geblieben. Sein Todestag ist mittlerweile schon zwei Wochen her, dennoch fühlt es sich an, als wäre es erst gestern gewesen. Sobald ich tief in mein Spiegelbild hineinsehe, spielt sich der ganze Unfall von Anfang an ab:
Heute besucht mich mein Opa wieder. Ich freue mich schon tierisch auf ihn. Der Kuchen backt schon im Ofen auf 180°C für 20 Minuten, aber 5 Minuten lasse ich ihn noch drinnen, damit er eine schöne goldbraune Farbe bekommt. An meinem Fenster erblicke ich meinen Großvater schon, der fröhlich vorbeigeht. Ganz formell gekleidet, so wie immer. Er kommt hinein, begrüßt mich mit einem Lächeln und einer zarten Umarmung. Dennoch ahnen wir nicht, dass gleich etwas Schlimmes passieren würde.
Während ich den Kuchen aus dem Backofen hole, höre ich wie mein Opa plötzlich auf den Boden fällt. Sofort lege ich den heißen Kuchen auf die Seite und renne auf ihn zu. Ich lege ihn in die stabile Seitenlage und verständige sofort die Rettung.
Nach zehn Minuten kann ich schon die Sirenen hören. Rettungsautos mit Blaulicht stehen vor meiner Wohnungstür. Alles ging so schnell, aber doch fühlen sich die Minuten an, als seien es Stunden. Zwei Rettungssanitäter kommen in meine Wohnung. Das Einzige, woran ich denken kann - was passiert jetzt mit meinem Opa.
Dieser Abend sollte ein schöner Abend werden so wie jeden Freitag. Stattdessen wurde dieser zum schlimmsten Tag meines Lebens. Wenn ich in den Spiegel schaue, erkenne ich eine leere Seele, die ihren Opa vermisst. Zugleich ruft mein Gehirn all die schönen Momente ab, die ich mit ihm erlebt habe.
Obwohl die ganze Trauergemeinde weiß, dass an diesem Tag ein sehr geehrter Herr von uns gegangen ist, wissen die meisten nicht, dass an diesem Tag nicht nur eine Person von uns gegangen ist. Äußerlich bin ich zwar anwesend, aber innerlich bin ich so tot wie mein Opa. Ich bin nicht mehr dieselbe, die ich vor zwei Wochen war.
Wir danken unseren Unterstützern
Mit Unterstützung folgender Wiener Bezirke:
Für Sponsoringanfragen wenden Sie sich bitte an Margit Riepl unter margit.riepl@gmx.at
Wenn Sie "Texte. Preis für junge Literatur" unterstützen möchten, spenden Sie bitte auf folgendes Konto:
Literarische Bühnen Wien, Erste Bank IBAN: AT402011182818710800, SWIFT: GIBAATWWXXX
Ihre Spende ist steuerlich absetzbar!
Spendenbegünstigung gemäß § 4a Abs. 4 EStG 1988; Registrierungsnummer KK32646
Weitere Antworten rund um die Spendenabsetzbarkeit für Privatpersonen und Unternehmen
