Der Sieg über die Engel
Wenn es nur noch uns gäbe, was wäre das Erste, das du tun würdest? Würdest du mich ignorieren? Oder würdest du mich mustern, von oben bis unten, jeden Zentimeter, jeden Millimeter meines Körpers betrachten, ihn dir einprägen?
Würdest du nach meinem Namen fragen, nur um ihn Sekunden danach wieder zu vergessen?
In einer Welt ohne Krieg und Neid, hättest du wirklich mich gesucht? Warum suchst du mich, wenn du doch so viel mehr haben könntest? Sieh sie dir an, all die wunderhübschen Mädchen , die nur für dich ihr schönstes Kleid tragen, von Natur aus WUNDERSCHÖN sind. Sie sehen perfekt aus, wenn sie einen Blick in den Spiegel werfen. Sie sind von Grund auf PERFEKT. Sie streifen mit der Hand über ihre schmale Taille, bis hin zu ihrem perfekten Po. Treten einen Schritt zurück, um auch die perfekt geformte Brust, die schmalen Oberschenkel zu betrachten. Ohne Aufwand, ohne hungern zu müssen, sehen sie makellos aus, werden von jedem und jeder begehrt.
Sie sind geformt, sehen aus, als wären sie aus Marmor gemeißelt. Sie gleichen der Liebe des Pygmalion zu seiner steinernen Statue, einem Ebenbild der Aphrodite.
Ihre Stimmen so hell, glöckchenhaft schallen sie engelsgleich durch den Raum. Wenn sie singen, fühlst du dich, als würden tausende Geigen nur für dich erklingen. Du verfällst in Trance, wirst von ihnen umschleiert, kannst dich nicht mehr bewegen. Sie sind dein Orpheus.
Ihr golden leuchtendes Haar ist so geschmeidig, so seidig, dass du dich kaum traust, es zu berühren.
Kannst du dich entscheiden? Wo du doch so viel Auswahl hast. Nimm dir doch. Du kannst alle haben.
Traurig wende ich mich von dir ab. Ich kann deine Begeisterung, deine Begierde, deine Verfallenheit nicht ertragen. Langsam setze ich mich in Bewegung, versuche Abstand zwischen uns zu bringen, obwohl ich mich nach dir sehne. Tränen laufen meine Wangen hinab, mühevoll versuche ich, nicht zu schluchzen. Ich beginne zu rennen, trete die Flucht an. Immer schneller und schneller, immer weiter und weiter weg von dir. Immer mehr Tränen weine ich.
Und plötzlich hält mich jemand fest. Ich wehre mich, schreie, trete um mich. Bis ich in dein Gesicht blicke.
Ich erstarre.
Meine Welt steht still.
„Warum bist du hier?“, möchte ich fragen, „Wo sind deine Engel?“ Doch kein Wort verlässt meinen Mund. Als hättest du meine Gedanken gelesen, beginnst du zu sprechen, ganz ruhig: „Sie sind alle nicht du. Sie sind geschaffen dafür, das perfekte Spiegelbild zu erzeugen. Sie wurden erschaffen von Männern, die unsere Welt regieren. Dafür, um von jedem angebetet zu werden und doch keine Liebe zu bekommen. Sie beschreiben ein unerreichbares Ideal, um jedem zu gefallen. Doch du bist einfach du. Mit all deinen Fehlern, all deinen Eigenheiten, all deiner Schönheit bist du einfach du. Du hast keine Angst, dich zu zeigen, du nimmst die gehässigen Bemerkungen anderer einfach hin und bist trotzdem niemandem böse, hilfst jedem ohne jeglichen Kommentar, ohne Urteil. Du bist kein Spiegelbild.
Deshalb liebe ich DICH!
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