Ernst des Lebens
Im Spiegel steh ich.
Im Spiegel seh ich… mich
Mit zerzaustem Haar und verschmierten Lippenstift.
Die Tränen rinnen und rinnen.
Voller Wut greife ich meinen Schuh. Schmettere ihn gegen den Spiegel. Ein Schrei der Verzweiflung erklingt aus meiner Kehle. Es kracht. Glasscherben überall. Doch ein Teil ist noch da. Und wen sehe ich da?
Mich! Im Spiegel steh ich. Das kleine Mädchen von früher. Zahnlücke, bunte Spangen im Haar und einen Farbspritzer im Gesicht. Sie ist so wunderschön! Weiß noch nix von der Welt. Ein kleines Schmunzeln fliegt über meine Lippen. Sogar meinen Stofftier-Drachen habe ich in der Hand!
Wie konnte ich sie je vergessen?
Ich hebe meine Hand, zögerlich.
Strecke sie zum Spiegel, um mir ganz nah zu sein, und tauche in das zersplitterte Glas ein.
Tauche immer tiefer ein.
Glücklich tanze ich durch mein Zimmer. Barfuß. Ich auch. Ich drehe und drehe mich. Die Farben kommen von überall. Oben unten, rechts, links, vorne, hinten. Alle Farben dieser Welt, sie umhüllen mich mit einem Akt der Freude. An meinem inneren Auge tauchen Erinnerungen auf. Immer mehr. So traurig. So schön. So echt. Sie fliegen immer weiter und weiter fort. Schmunzeln muss ich, als ich mich erinnerte!
Ich lache immer lauter und singe. Ja! Ich singe alle Lieder dieser Welt. Sie nimmt mich bei der Hand und wir springen hin und her. Ein Lachen quillt aus meiner Kehle. Sie lacht auch. Sogar lauter als ich. Oh wie herzergreifend ich doch bin! In ihren Augen sieht man die Liebe!
Doch dann knarzt der Boden.
Amelie schaut erschrocken auf. In meinen Augen sehe ich Furcht. Eiskalte Furcht. Ich sehe mich mit fragendem Blick an, und strecke meine Hand zu ihrem Gesicht aus. Sie ist so unfassbar kalt.
Kalt und…. Wie Stein.
Ein schnelles Lächeln jagt über ihr Gesicht.
Doch dann
Stoßt sie mich weg.
Wie in Zeitlupe stolpere ich vom Spiegel wieder in mein Zimmer. Durch die ganzen Splitter. Aber sie schneiden mich nicht.
Ich bin wieder im Zimmer. Vor dem Spiegel. Und wen sehe ich? Mich!
Doch ich bin noch im Spiegel.
Nein! Was tust du? Wie kannst du nur? Wie kannst du mich vergessen?
Ihre Augen werden glasig.
Amelie? Ist das eine Träne?
Sie schüttelt den Kopf, und wischt sie dennoch weg, warf mir noch einen letzten Blick zu.
Dann bückte sie sich, nahm die Schnur ihres Stofftier-Drachen.
Amelie steht wieder auf, blickt nicht noch einmal zurück, und schleift den Drachen hinter sich her. Sie geht immer weiter weg.
NEIN! BLEIB DA! , schrei ich! Doch es ist zu spät. Sie ist geht.
Im Türrahmen sehe ich eine Gestalt, groß und furchteinflößend, die hinter Amelie die Tür zu macht. Diese wird so fest zugezogen, dass der Drache im Türspalt stecken bleibt. , , Ernst des Lebens“ kickt mit seinem Lackschuh den Drachen ins Zimmer zurück, und schmettert die Tür zu.
Ein paar Schritte hört man noch. . .
Stille.
Nun ist sie endgültig fort.
Fassungslos lege ich mich auf den Boden.
Und bleibe dort.
Für immer.
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