Gefrorene Tränen
In jener Nacht, in der die Traurigkeit verschwand, war die Stadt stiller als sonst.
Die sonst erzürnten Wolken, die regelmäßig dicke Tropfen weinten, glitten ruhig über die Häuser.
Man würde meinen, das wäre der einzige Vorbote des Geschehnisses gewesen, aber da war noch mehr. Haustüren hörten auf, zu quietschen, Hunde bellten keine Katzen mehr an, und der steinalte Rickie schlief eingekuschelt auf seinem Ledersessel ein, anstatt sich in den Schlaf zu trinken.
Ich bin ihre Spiegel. Stecke in Reflexionen der Fenster, Spiegelungen des Löffels, und zeige ihnen, wie blau ihre Augenringe in Wahrheit sind. Lieber Himmel, die Male, an denen sie schluchzend in mich geblickt, die Hände gefaltet und zum Gott da oben gebeten haben, lassen sich an beiden Händen nicht mehr abzählen. Immer wieder erbaten sie sich Glück, Freude, aber zumeist das Verlieren ihrer ständigen Tränen.
Am folgenden Morgen wirkte die kleine Stadt heller, als hätte ich all ihre Schatten hinausgewaschen. Keine Kinder, die mit feuchten, verklebten Wimpern aufwachten, keine Leute, die ihren Tag mit roten Augen begannen.
Nein, offensichtlich hatte ich es geschafft.
Ich beobachtete sie, wie sie ihre Beinchen aus den Betten schwangen und ihr erster Weg sie ins Bad führte, wo ihre unschuldigen Blicke mit meinem kollidierte.
Und etwas stimmte nicht. Ganz und gar nicht.
Denn selbst die alte Witwe, die sich ihr Leben lang nach dem Ausbleiben ihrer Tränen gesehnt hatte, wirkte verloren, wie sie vor mir stand. Ich löste mich von ihrem Spiegel und beschloss, Blicke in die anderen Häuser zu werfen. Jedoch stieß ich auf Gleichartiges, völlig unabhängig davon, ob mir kindliche Gesichter oder vom Alter gezeichnete begegneten. Silbrige Flüsse verunzierten ihre zerknitterten Wangen, als wären ihre Tränen über Nacht… gefroren.
Verwirrtheit breitete sich in mir aus. Das wollten sie doch, oder nicht? Das Ausbleiben ihrer Tränen!
Doch während ich von Fenster zu Fenster sprang, erkannte ich, dass nicht die Traurigkeit verschwunden war – bloß ihre Spur. Die Menschen fühlten sie noch, tiefer als zuvor. Ein schweres Gewicht, an dem ihre Herzen, Mägen, Lungen hängten.
Ihre Gesichter blieben wie eine spiegelglatte Meeresoberfläche, während in ihren Augen die Wellen bebten, die sie nicht hinauslassen konnten.
Und in diesem Moment begriff ich, was ich getan hatte.
Ich hatte ihnen nicht die Traurigkeit genommen.
Sondern die Fähigkeit, sie zu ertragen.
Sie wollten das Dunkle vertreiben, und verloren so das Licht.
Ich überlegte und überlegte, dachte nach und dachte nach, während ich die unglücklichen, gegen den Boden gekrümmten Bäume in mein Blickfeld aufnahm.
Musste ich ihnen die Traurigkeit zurückschenken? Wo doch alles, was sie je wollten, ihr Verschwinden war?
Ich wollte ihnen die Traurigkeit wieder zurückgeben.
Doch als ich sie suchte, fand ich nichts.
Ich hatte sie nicht nur genommen.
Ich hatte sie für immer zerstört.
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