Im Angesicht der Zeit
Ich betrachte mich im Spiegel und schließe die Augen. Was sehe ich da? Vor meinem inneren Auge erscheint ein kleines Mädchen mit braunen, erwartungsvollen Kulleraugen und zartem, goldigem Haar. Sie kann es kaum erwarten, endlich spielen gehen zu dürfen und dabei die Welt zu erkunden.
Nach ihren Ausflügen in ihre Traumwelten verschwendet sie keinen Gedanken daran, ob sie es sich gönnen dürfte, eine kurze Pause zu machen. Ihr Leben ist doch noch so lang, sie soll ihre Kindheit auskosten. Zeit bleibt ihr doch noch genug. Ihre Gedanken kommen nicht immerfort auf ihre To-do-Liste zurück, auf alles, was sie noch optimieren könnte, wie viel sie noch nicht weiß. Unbeschwert lebt sie in den Tag hinein und beobachtet die Veränderungen um sie herum, wie die Blätter ihre Farben ändern und der Mond sein Leuchten verstärkt.
Wenn sie dann nach den ganzen Abenteuern des Tages erschöpft in ihr Bett fällt, nimmt sie nicht ihr Handy zur Hand, um für einen Moment aufatmen zu können und die reale Welt auf Pause zu stellen. Nein, sie schließt ihre Augen und schläft ein. Sie träumt von Schlössern, Prinzen und ausladenden Kleidern. Ich wiederum verliere den Überblick über die Zeit, merke nicht, wie Sekunden entschwinden, Minuten, Stunden. Die Erkenntnis kommt jedoch viel zu spät, da sind die wertvollen Stunden Schlaf schon entronnen. Ein Blick zeigt, nur noch fünf Stunden, dann ist es wieder Zeit in den neuen Tag zu starten. Nun aber schnell einschlafen. Doch da beginnt erst das Gedankenkarussell. Voller Dopamin von den unzähligen Kurzvideos lasse ich nun jede kleinste Situation, die in mir Unbehagen ausgelöst hat, Revue passieren. Warum habe ich mich so ausgedrückt? Was denken nun die anderen? Nach langen Minuten vergeudeter Zeit überwiegt schließlich die Erschöpfung.
Ach, was würde ich dafür tun, um die Welt nur noch für einen Tag mit den Augen des kleinen Mädchens zu sehen.
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