Mein Blick auf die Welt
Immer wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich ein Mädchen. Mich. Ich bemerke dann immer Dinge an mir, bei denen ich mich frage, ob sie anderen auch auffallen. Meine Sommersprossen zum Beispiel. Meine Stupsnase, die mir manchmal zu kindlich vorkommt. Oder meine Augen. Denn wenn ich genau schaue, sehe ich, dass sie nicht wirklich so blau aussehen, wie ich von weitem denke. Von nahem sind sie eher grau. Mausgrau.
Andere Menschen haben leuchtende Augen in Blau, Grün oder Braun, manchmal auch in mehreren Farben. Nur ich habe so graue Augen, dass sie einem schon fast traurig vorkommen. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob vielleicht die Augenfarbe eines Menschen ein Grund ist, warum man die Welt so sieht, wie man sie eben sieht. Es könnte doch sein, dass Menschen mit hellen, strahlenden Augen die Welt viel bunter wahrnehmen als andere. Vielleicht sogar ihre Farben klarer und heller sehen. Oder dass die Welt für jemanden mit ganz dunklen Augen düster ist. In ein goldschwarzes Licht getaucht.
Es könnte wirklich sein. Denn meine Welt ist sehr trist. Der Betonklotz, in dem ich wohne, ist grau. Die Gebäude daneben auch. Selbst das Graffiti an den Wänden sieht ausgeblichen und vom Regen verwaschen aus. Bei Regen ist die Umgebung noch trostloser. Wie jetzt gerade. Draußen vor dem Fenster hängen dunkle Wolken vor einem grauen Himmel. Der Regen legt einen milchigen Filter über alles. Die Straße ist leer. Die Bäume sind kahl, ein matschiges Braun. So sehe ich die Welt.
Doch über mir, ein Stockwerk höher, sitzt ein Junge am Fenster. Ein Junge mit leuchtend grün-braunen Augen. Mal angenommen, er schaut aus dem Fenster – sieht er auch den grauen Himmel, oder ist er in seinen Augen delfinblau? Sieht der Regen nicht milchig, sondern einfach nur verschwommen aus? Lebt er auch in meiner Betonwelt oder bewundert er die bunten Graffitis und die leuchtenden Werbeplakate? Vielleicht entdeckt er ja sogar noch ein letztes buntes Blatt am Baum gegenüber unserer Fenster? Wenn ich so überlege und nach draußen schaue, kann ich mir fast vorstellen, wie es ist, die Welt mit bunten Augen zu sehen.
Die Klingel reißt mich aus meinen Gedanken. Vor der Tür steht der Junge von oben - schweigend. Schaut mir einfach nur ins Gesicht. Dann lehnt er sich ein Stück vor, kneift die Augen kurz zusammen und stellt mir die Frage, ob mir denn jemals jemand gesagt hätte, wie schön meine Augen sind. Ich erwidere nichts – schließlich weiß ich, dass meine Augen grau sind, doch er fährt unbeirrt fort, erzählt, dass er meine graublauen Augen so schön klar und hell findet. Und dass er bei genauem Hinsehen auch braune Pünktchen darin erkennen kann.
Und mir spukt ein Gedanke im Kopf herum: Was ist, wenn mir mein Spiegel nicht alles verrät? Vielleicht habe ich mir die Welt nicht gedanklich buntgemalt, sondern sie wirklich so wahrgenommen. Diese Vorstellung gefällt mir.
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