Spiegelhoffnung
Zu dritt standen sie davor. Hielten sich fest an den zittrigen Händen. Dabei hätten sie sich an den Füßen halten müssen. Hätten ihre Füße halten müssen. Festhalten müssen. Zurückhalten müssen. Zurückhalten vor dem Sog, der sie mit seinem unausweichlichen Bann immer näher zog.
Zu dritt starrten sie hinein. Mit ihren sechs weit aufgerissenen Augen starrten sie durch seine schimmernde Oberfläche hindurch und bis auf die andere Seite. Sie waren ihm bereits ganz nah. Imposant stand er vor ihnen. Der Sog, der von ihm ausging, ließ sie wie betäubt nähertaumeln. Der Sog, der aus ihrem Inneren entsprang. Ein Verlangen, so kraftvoll, so vehement zerrend, wie es nur eines sein konnte: Hoffnung. Hoffnung auf ein besseres Leben.
Der Spiegel, von dem sie nur noch wenige Millimeter entfernt waren, zeigte ihnen genau das. Ihr Leben, nur besser. Perfekter. Perfekt. Es schien so einfach. Sie müssten nur durch den Spiegel schreiten. Und vor ihnen, dort vorne auf der anderen Seite, da lag es schon: ihr perfektes Leben.
Fast automatisch hoben sie ihre Füße. Wollten bereits den entscheidenden Schritt nach vorne setzten. Doch in dem Augenblick, in dem ihre Zehenspitzen die Spiegeloberfläche berührten … zogen sie ihre Beine wieder zurück.
„Wir gehen da nicht rein“, sagten sie. Und glaubten, dass es ihnen im Kampf gegen den Sog des Spiegels etwas bringen würde. Denn während ihre Stimmen immer leiser wurden, wurde der Sog immer stärker. Die Hoffnung immer ergreifender. Die Hoffnung auf ein besseres Leben.
„Wir gehen da nicht rein“, sagten sie. Denn sie wussten, dass sich die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht erfüllen würde. Nicht erfüllen konnte. Sie wussten, dass es ein besseres Leben als das Ihre nicht mehr gab. Hier, auf dieser Seite des Spiegels, hatten sie alles, was sie brauchten. Sie waren nicht immer glücklich. Aber sie wussten, dass ihnen auch der Reichtum im Spiegel kein ewiges Glück bescheren würde. Denn es war nicht der Reichtum an sich, der glücklich machte, sondern die Bedürfnisse, die der Reichtum stillen konnte. Es waren die gestillten Bedürfnisse, die schlussendlich glücklich machten.
Das perfekte Leben jenseits des Spiegels gab vor, jederzeit alle Bedürfnisse stillen zu können. Machte Hoffnung auf ein Leben, in dem alle Bedürfnisse gestillt sein würden. Doch genau wie das Bild im Spiegel, war ein Leben voller Glück eine Illusion. Denn das Hinterhältige an Bedürfnissen ist, dass sie sich oft widersprechen. Das Bedürfnis nach Entspannung widerspricht dem nach Aufregung. Das Bedürfnis nach Kontrolle widerspricht dem nach Freiheit. Das Verlangen nach Gemeinschaft widerspricht jenem nach Privatsphäre.
Vielleicht geht es aber auch gar nicht um ein besseres Leben. Vielleicht genügt es, ein Leben zu führen, das Bedürfnisse stillt. Nicht immer alle. Aber alle irgendwann. Alle in dem Maß, das es braucht, um zufrieden zu sein. Und vielleicht ist es eben diese durchschnittliche Zufriedenheit, die ein wirklich glückliches Leben ausmacht.
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