Verkehrte Welt
„Last Christmas! ”, sang Leonie in ihr provisorisches Mikrofon, dass aus einem Duschkopf bestand. Sie drehte das Wasser ab, stieg aus der Dusche und schlüpfte in ihren Bademantel. Als nächstes stellte sie sich vor den großen, runden Spiegel, der auf der linken Seite leider einen kleinen Sprung besaß, weil Leonie vor kurzem probiert hatte eine dort sitzende Fliege mit einer Shampooflasche zu verscheuchen. Das klappte jedoch, wie man sieht leider nicht allzu gut, weil ihr die Flasche aus der Hand rutschte und sie dabei zusätzlich auch noch mit einer glibberigen, glitzernden Flüssigkeit bekleckerte.
Während sie weiter vor sich hin summte, malte sie gedankenversunken mit ihrem Zeigefinger ein Herz auf die beschlagene Scheibe. Sobald ihre Fingerspitze sich jedoch von dem dünnen Glas löste, geschah etwas Seltsames. Der Spiegel leuchtete plötzlich golden auf und erlosch dann wieder, so als ob nichts passiert wäre. Das komische war aber das der kleine Riss, sich plötzlich auf der rechten anstatt auf der linken Spiegelseite befand. Leonie rieb sich ungläubig über ihre Augen. „Das meine links-rechts-Schwäche so schlimm ist, dachte ich wirklich nicht.“, murmelte sie leise vor sich hin und schüttelte den Kopf leicht über sich selbst.
Sie beschloss, dass sie sich etwas später damit auseinandersetzen würde und griff nach ihrer Handcreme. Doch statt der Aufschrift „Vanille-Handcreme“ stand „emercdnaH-ellinaV“ auf der Tube.
Sie schaute sich im Badezimmer um. Auch auf den anderen Flaschen standen jetzt neue, komische Namen, wie zum Beispiel: „leghsuD“ oder „oopmahS“. Das Mädchen rieb sich abermals über ihre Augen, doch das ganze Zimmer war spiegelverkehrt. Leonie wollte das Bad verlassen, um ihre Eltern zu holen, doch da hörte sie einen ohrenbetäubenden Alarm, der ihr durch Mark und Bein ging. Sie presste ihre Hände auf die Ohren, in der Hoffnung, dass der Lärm auf diese Art und Weise etwas erträglicher werden würde.
Plötzlich begann das ganze Haus wie bei einem Erdbeben bedrohlich zu wackeln. Leonie legte sich auf den Boden, rollte sich zu einem kleinen Knäul zusammen und kniff ihre Augen zu.
Es vergingen einige Sekunden, in denen sie sich nicht von der Stelle rührte und die Luft anhielt. Schließlich wurde der Alarm leiser und auch das Haus hörte auf zu beben. Sie hörte jemanden von weit weg ihren Namen rufen: „LEONIE! LEONIE!“. Als sie zaghaft wieder ihre Augen öffnete, blickte sie in das halb verärgerte und halb belustigte Gesicht ihrer Schwester, die sie an der Schulter rüttelte. „Wach endlich auf, du Schlafmütze!“, sagte diese, „Dein Wecker läutet schon seit einer halben Ewigkeit. Das ganze Haus ist deswegen schon wach. Außerdem wollten wir heute doch einen neuen Spiegel kaufen gehen, da du unseren ja kaputt gemacht hast und jetzt ein Riss im Spiegel ist.“
Leonie setzte sich leicht verdattert auf und atmete erleichtert aus. Der Alarm war nur ihr Wecker gewesen, für das Rütteln war ihre Schwester verantwortlich und der Rest war einfach nur ein Traum.
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