Viele Splitter, kein Blut
Morgengrauen.
Kaum habe ich die Augen aufgeschlagen, höre ich schon diesen unerträglichen Straßenlärm von draußen. Laute Menschen, bellende Hunde, hupende Autos.
Wann ist der Tag gekommen, an dem ich das alles nicht mehr hören konnte? Wann ist der Tag gekommen, an dem es plötzlich so schwer geworden ist, aufzustehen?
Du musst. Immer nur du musst. Für wen? Für mich nicht.
Schon wieder zerbreche ich mir den Kopf. Früher war das nicht so. Damals gab es nichts Wichtigeres als den Duft von Rosen, blühende Blumen und die Sterne in einer klaren Nacht. Heute gibt es nichts Wichtigeres, als dazuzugehören.
So oft frage ich mich, ob ich mich denn verändert habe oder die Welt. Ich sage mal: die Welt. Denn wenn ich eines gelernt habe, ist es, dass man den anderen die Schuld geben sollte. Das ist leichter.
Ja, ganz konkret gebe ich dieses Mal der Zeit die Schuld. Würde es die nicht geben, wäre ich jetzt noch ein Kind. Die Zeit sollte man einsperren, eine echte Verbrecherin.
Ich verstehe nicht, warum das nicht schon lange geschehen ist – normalerweise werden nur diejenigen nicht eingesperrt, die genug Geld haben. Die Zeit hat kein Geld. Glaube ich. Was weiß ich schon?
Nichts, außer, dass die Zeit nach wie vor vergeht. Viel zu schnell und doch viel zu langsam. Jeder geht mit der Zeit ein bisschen anders um, wie mit dem Leben. Manche Menschen leben, um zu sterben, und die anderen sterben, um endlich zu leben.
Ich würde sagen: widersprüchlich. Die anderen würden sagen: normal.
Doch das einzig Richtige ist, was die Mehrheit denkt. Also normal.
Genug.
Der Alltag ruft, ich muss und diesmal muss ich wirklich aufstehen.
Wie immer gehe ich durch den Flur.
Ich schaue instinktiv nach links. Dort steht jemand. Ich erschrecke mich fürchterlich.
Dünn, blass, ungepflegt.
Man merkt, dass dieser jemand gerade schwere Zeiten durchmacht. Das ist mir aber egal, mache ich ja auch. Steht gebückt da, bringt kein Wort heraus.
Ich blicke in die Augen des Unbekannten. Ausdruckslos. Das macht mir Angst. So möchte ich nicht sein. So leblos. So gleichgültig.
Es reicht.
Ich schlage zu.
Plötzlich sind am Boden Splitter. Ich schneide mich, werde aber nicht mehr bluten.
Denn das da war ich. Ich war diese Person im Spiegel.
Zerbrochen, ein für alle Mal.
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