Wieder Zuhause Sein
Wieder
Ich höre schon durch die geschlossene Tür ihr gedämpftes Gerede und ihr Lachen, das Klirren der Weingläser, als sie anstoßen und das zufriedene Schmatzen meiner Cousinen und Cousins.
Es ist ein Sonntagabend wie jeder zuvor.
Ich schlüpfe schnell aus meinen Schuhen, drücke die quietschende Tür auf und präsentiere meine selbstgebackenen Muffins, die vor allem bei dem jüngeren Teil meiner Verwandtschaft heiß begehrt sind. Sobald ich das Blech auf den Tisch stelle, greifen kleine Hände zu.
„Komm her!“, begrüßt mich Oma und presst einen dicken Kuss auf meine Stirn. Sie deutet mir, mich zu meinem Onkel und meiner kleinen Schwester, die Tic Tac Toe mit meiner Tante spielt, hinzusetzen.
„Wie war die Schule, Liebling?“, will Mama wissen, als sie mir den Aufstrich über den Tisch reicht. Ich greife nach einem Messer. „Wie immer“, antworte ich und schaue mich um, „ist Papa noch arbeiten?“
„So wie ich meinen Sohn kenne, Liebes, kommt er später nach“, meint Oma und lächelt aufmunternd, „so wie immer, nicht?“ Ich nicke mit einem schwachen Lächeln.
Der Fernseher erleuchtet das stockdunkle Wohnzimmer. Meine Geschwister, meine Cousinen und Cousins liegen auf der Couch, am Teppich oder sitzen zu dritt in Omas Sessel und schauen eine Quizshow.
Wir raten bei allen Fragen mit.
Nach einer Weile übertönen leises Gekicher und rohe Vermutungen die Stimme des Moderators. Die Unterhaltungen von unseren Eltern verschwimmen in den Hintergrund. Ich lache über einen Witz meines Bruders und denke:
„Ich bin zuhause.“
Zuhause sein
Im Haus herrscht eine ungewöhnliche Stille. Hinter den Zimmertüren hört man unterdrücktes Schniefen und verstecktes Weinen. Ich zucke zusammen, sobald ich das vertraute Quietschen wahrnehme.
Es ist ein Sonntagabend wie nie zuvor.
Ich stehe in der Küche und drücke mich vor den Bergen an dreckigem Geschirr; vor dem Besteck, an dem noch Essensreste kleben, und vor den fettigen Muffinformen.
Ich habe den Großteil meiner Familie seit der Beerdigung nicht mehr gesehen. Das einzige Kreuz, was ich in letzter Zeit zu Gesicht bekommen habe, war das in der Kirche.
Mama spricht mich nicht mehr an und wenn ich meinen Mund zum Reden öffne, wischt sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel und verlässt den Raum.
Papa ist nie später nachgekommen.
Ich schalte das Licht ein – Omas Wohnzimmer ist ordentlich; die Polster sind nicht am Boden verstreut und der Teppich ist nicht verrutscht. Der Fernseher ist abgedreht.
Ich beantworte keine einzige Frage mehr.
Statt warmem Lachen gibt es nur noch kaltes Husten, heisere Stimmen und die unausgesprochene Lüge, dass alles wieder gut werden wird. Bevor ich das Licht wieder abdrehe, erinnere ich mich selbst:
„Ich bin zuhause.“
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