Zwei Schläge
Das Problem war nicht, dass er sich nicht erkannte. Das tat er sofort.
Früher war er auf die höchste Plattform geklettert. Heute schaffte er es kaum noch auf die erste. Wie an jedem Tag, standen die Menschen vor den Scheiben. Die Kinder winkten ihm zu, etwas, wofür die meisten Erwachsenen keine Zeit hatten. Langsam, oder eher so schnell, wie er sich noch bewegen konnte, ging Kiro zum Spiegel, der seit dem Morgengrauen im Gehege lag. Im Spiegelbild erkannte Kiro die kleine Kerbe am linken Ohr, die er nach einer vergangen Rauferei davongetragen hatte. Er hielt ihn ein Stück näher, und fuhr mit seiner Hand über die kleinen, weiß glänzenden Härchen, die durch sein schwarzes Fell schimmerten. Auf seiner Stirn prangte ein greller Punkt, sofort wischte er ihn weg. In diesem Moment schlug eine Frau vor der Scheibe ihr Notizbuch auf und schrieb ein paar Wörter hinein, sie war oft da, wahrscheinlich legte sie die Dinge in das Gehege. Zweimal schlug er gegen den Spiegel, die Frau wusste sofort warum. Das Doppelte Schlagen hatte Kiro jeden Tag gehört, seit der alte Pfleger ihn im Arm hielt bis zu dem Moment als sie sich nur noch durch das Gitter begrüßten. Manchmal wenn die Menschen doppelt gegen die Scheibe klopften hoffte Kiro, dass er es war.
Menschen vermissten Dinge erst, wenn sie weg waren doch bei Schimpansen war es anders. Oder doch nicht. Spät am Abend griff die Frau zum Hörer da sie merkte wie schwach Kiro geworden war: „Peter, er vermisst dich.“
Am frühen Morgen führte sie einen alten Mann in den Pflegergang. Die Schritte waren langsamer als früher. Doch es hatte sich nichts geändert, als der alte Mann an der Scheibe stand, erkannte er sofort seinen alten Kumpel. Er erkannte die Kerbe am Ohr und die kahle Stelle an seinem Rücken. Er zögerte keinen Moment und schlug zweimal gegen die Scheibe. Die Birne in Kiros Hand glitt aus seinen Fingern und ein leises Grunzen entwich seinem Maul. Er stoppte ein paar Meter vor der Scheibe, jedes Glied war angespannt. „Na, kleiner“, der alte Mann lächelte und schlug noch zweimal gegen die Scheibe. Doch Kiro drehte sich wieder um. Der alte Mann senkte den Blick: „Es ist zu lange her.“
Plötzlich kehrte Kiro wieder um, hinter ihm schleifte er den Spiegel über den rauen Boden. Wenige Zentimeter vor der Scheibe hielt er ihn hoch, sodass zwei alte Gesichter im Spiegel erschienen. Er wollte sie beide sehen. Gemeinsam. Dann fuhr Kiro über die grauen Haare an seinem Kinn. Der alte Mann tat es ihm nach. Erwartungsvoll blickte Kiro zu ihm, die braunen Augen waren noch wie am ersten Tag als sie sich begegnet hatten. Der Mann verstand und ein Lächeln zupfte an seinen schmalen Lippen und breitete sich über sein Gesicht aus, denn nun war es Kiro, der zweimal schlug. Nach all den Sommern. Nach all den Wintern. Nach jedem Fältchen. Zum ersten Mal antwortetr Kiro. Der Mann fuhr sich über die Augen: „Ich wusste es schon immer.“
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