Zwei Seiten eines Moments
Du siehst dich selbst in mir.
Dein Wunsch war es, mich kennenzulernen.
Es ist sieben Uhr in der Früh und ich bin für dich so früh aufgestanden. Bleiches Sonnenlicht fällt durch die schmutzigen Scheiben auf dein Frühstückscroissant und meinen Porridge mit Apfelstücken. Du hast für mich bestellt, was ich immer bestelle.
Ich ergänze dein Leben und du meines, wir passen zusammen wie Meer und Sand. Du magst, dass ich auf meine Ernährung achte, dass ich den Hund meiner Oma spazieren führe, dass ich dir regelmäßig Blumen für die leeren Vasen in deiner Wohnung bringe. Ich helfe gerne.
„Willst du am Abend noch etwas unternehmen?“ Ich lächle. Unter den hunderten von Menschen kann mich jemand lieben. Vielleicht sogar du.
Zumindest stelle ich es mir so vor.
Ich folge deinem Blick und fange unsere Reflexion auf, unsere sanftverschränkten Finger. Wir sehen glücklich aus, nahezu perfekt, aber nur nahezu, weil wenn es ganz perfekt wäre, wäre es falsch. An der Wand links von uns hängt ein gold eingerahmter Spiegel, dessen Rand absplittert.
Du lächelst mir in unserer Spiegelung zu.
Du lächelst dir in unserer Spiegelung zu.
Der Spiegel hat Risse und ich weiß nicht, wie sie dorthin gekommen sind. Ich weiß nur, dass Blut an meinen Knöcheln klebt und ich meine eigene Reflexion hasse. Es ist richtig, die perfekten Linien, die mein Spiegelbild in Scherben und Fragmente verwandeln.
Zumindest stelle ich es mir so vor.
Willst du am Abend noch etwas unternehmen? , geistert es in meinem Kopf, ich habe Angst vor dem Ja. Ich nehme einen Löffel Porridge, um dir nicht antworten zu müssen. Besonders dir nicht. Unter hunderten von Menschen gibt es keinen einzigen, den ich lieben kann.
Ich träume gerne. Ich will einen Blumengarten hinter einem Haus mit Veranda, ich will die Niagara-Fälle sehen, ich habe Angst, nicht perfekt zu sein. Nicht in diese Welt zu passen, weil ich in eine andere gehöre.
Du hast nie gefragt, was ich bestellen will. Warum ich das Croissant mit großen Augen ansehe und doch Porridge wähle, aber erst esse, wenn er kalt ist wie mein Herz. Ich bin so früh aufgestanden, weil die beißenden Zähne meiner unerreichbaren Träume meine Gedanken zum Kreisen gebracht haben.
Mein Wunsch war es, jemanden kennenzulernen, der mehr in mir sieht als ich selbst.
Du siehst dich selbst in mir.
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