Zwischen uns nur Glas
Du bist weg. Einfach weg. Dein Abgang war alles andere als still, denn das Blaulicht spiegelt sich noch immer in meinen Augen wider und das Knurren des Hubschraubers hat sich bis in die Knochen meines Körpers gegraben. Aber doch ist es so still. So still, als hättest du mein Gehör mit dir mitgenommen.
Und doch stehe ich hier. Nun fast zehn Jahre, nachdem du von uns gerissen wurdest. Fast zehn Jahre, in denen die Welt sich weitergedreht hat, obwohl für mich an diesem Tag alles stehen geblieben ist. Ich fragte mich nur eines: Warum? Warum musstest du gehen? An welchen Ort wirst du mehr gebraucht als hier auf der Erde? Du hast doch gesagt, wir sehen uns zuhause wieder, aber doch haben wir uns nie wiedergesehen.
Denn bei deiner Lieblingsaufgabe hat deine Seele jemand bei der Hand genommen und dich an einen anderen Platz entführt, der für uns nicht sichtbar ist.
An diesem Tag hat nicht nur dein Herz aufgehört zu schlagen, sondern es ist auch ein Teil meines Herzens mit dir fortgegangen. An diesem Tag hört zwar mein Herz zu schlagen auf, jedoch ist es zugleich wieder ein Ganzes.
Bis dahin sehe ich dich an allem, was du geliebt hast. Wenn der Wind die Blätter auf den Bäumen zum Rascheln bringt. In jedem Lied, das du lautstark im Radio mitgesungen hast, egal, wie schief dein Gesang war.
Und vor allem sehe ich dich, wenn ich in den Spiegel schaue.
Oft stehe ich davor und betrachte mein eigenes Spiegelbild. Ich sehe mein Gesicht, meine Augen, meine Locken. Doch manchmal frage ich mich, wie viel davon eigentlich noch mir gehört. Denn je länger ich hineinsehe, desto mehr erkenne ich dich.
Vielleicht liegt es an meinen Augen. Deinen funkelnden grünen Augen, die du mir hinterlassen hast. Vielleicht ist es mein Lächeln, das manchmal genau so aussieht wie deines.
Früher war ein Spiegel für mich nur eine Oberfläche, die mir zeigte, wie ich aussah. Heute sehe ich darin mehr. Ich sehe, wie sehr ich mich verändert habe und gleichzeitig, wie viel von dir geblieben ist.
Manchmal stelle ich mir vor, dass du auf der anderen Seite des Spiegels stehst. Nur wenige Zentimeter von mir entfernt. So nah, dass ich beinahe glauben könnte, deine Hand würde meine berühren, wenn ich meine gegen das Glas lege. Doch zwischen uns bleibt diese kalte Oberfläche. Ich kann dich sehen, aber nicht erreichen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich so oft in den Spiegel schaue. Weil er mir für einen Augenblick das Gefühl gibt, dass du noch da bist. Nicht auf der anderen Seite, sondern in mir.
Denn ein Teil von dir lebt weiter. In meinen Augen. In meinem Lächeln. In meinem Charakter. In all den kleinen Dingen, die ich von dir übernommen habe.
Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich deshalb nicht mehr nur mich.
Ich sehe dich.
Vielleicht ist das die schönste und zugleich schmerzhafteste Eigenschaft eines Spiegels: Er zeigt nicht nur, wer vor ihm steht, sondern auch, wer einen zu dem Menschen gemacht hat, der man heute ist.
Aber wenn ich in den Spiegel sehe, bist du noch immer da.
Und zwar in mir.
Papa
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